Cairo mosqueZeit der Abstinenz, der kulinarischen Orgien und Seifenopern: Der Fastenmonat Ramadan beherrscht auch in den großen Metropolen der muslimischen Welt das alltägliche Leben.

Von Karin El Minawi

Wenn auf Kairos Straßen zur Hauptverkehrszeit statt des gewöhnlichen Verkehrschaos gähnende Leere herrscht, die öffentlichen Busse mitten auf der Straße parken und Datteln und Wasserflaschen in die offenen Fenster der wenigen vorbeifahrenden Autos geworfen werden, ist es wieder soweit: Der Ramadan hat begonnen.

Der Fastenmonat, der am 13. September in Ägypten begonnen hat und sich gemäß dem islamischen Mondkalender regelmäßig verschiebt, gehört zu den fünf Säulen des Islam: neben dem Glaubensbekenntnis, dem fünfmaligen täglichen Gebet, der Almosenpflicht und der Pilgerfahrt nach Mekka.

30 Tage lang darf von Morgendämmerung bis Sonnenuntergang nichts zu sich genommen werden: kein Essen, keine Getränke, keine Zigaretten, nicht einmal Medikamente.

Auch Sex und Zärtlichkeiten sind bis zum Sonnenaufgang untersagt: Der gläubige Muslim soll sich während dieses heiligen Monats ganz auf Gott besinnen. Und er soll am eigenen Leibe spüren, wie es den Armen, Hungrigen und Bedürftigen geht. Auf die Probe gestellt werden Bescheidenheit und Enthaltsamkeit, Geduld, Selbstdisziplin.

Der Aufruf des Muezzin ist die Erlösung

Trotz aller Enthaltsamkeit – der Ramadan ist für Muslime, was Weihnachten für Christen ist: eine Zeit der Freude, der Unterhaltung, der Ruhe. Besonders in Ägypten, wo ohnehin mehr auf Lebensfreude gesetzt wird als in anderen Teilen der arabischen Welt.

Schon Wochen vorher wurden die Straßen, Häuser und Restaurants mit Lichterketten und Laternen geschmückt, kauften Hausfrauen die Supermärkte leer, als stünden Krieg und Notstand bevor.

Von der erwünschten Zurückhaltung keine Spur – täglich wurden neue Festmahle vorbereitet. Denn der Aufruf des Muezzin zum Gebet des Sonnenuntergangs, der den Fastentag beendet, ist die Erlösung: alles Verbotene ist bis zur Morgendämmerung erlaubt. Und das heißt zu erst einmal: essen, essen, essen.

Den in Milch eingeweichten Datteln folgt ein Vier-Gänge-Menü: Suppe, Salat, verschiedene deftige Hauptgerichte und extrem süße Nachspeisen. Nichts davon darf fehlen. Auch die Armen – und in Kairo mit seinen 20 Millionen Einwohnern gibt es genug davon – kommmen im Ramadan nicht zu kurz.

Auf den Straßen und Höfen lassen die Wohlhabenden Zelte aufstellen, in denen für die Bedürftigen warmes Essen ausgegeben wird. Der Spender hofft dabei auf Gottes Lob – er glaubt, er bekomme „Sawab“, „Punkte“ für fromme und gute Taten. Mit diesen Punkten wird die persönliche Bilanz ein wenig aufgepeppt, um am Tag des jüngsten Gerichts trotz aller Sünden besser abzuschneiden.

Der Trommler weckt die Schlafenden

Mit dem voll geschlagenen Bauch geht es in die Moschee. Nach dem normalen Gebet werden Zusatzgebete durchgeführt – die dauern je nach Prediger ein bis zwei Stunden. Danach wird – mit gutem Gewissen – das Fernsehprogramm studiert: Ramadan ist die Zeit der Seifenopern. Die ägyptische Filmindustrie, die Legionen an Serien produziert, hebt das Beste für die Fastenzeit auf.

Zwischendurch wird auf eines der vielen religiösen Programme geschaltet, die von berühmten Predigern live aus Saudi Arabien gesendet werden: Erzählungen aus dem Leben des Propheten, Berichte über die Gründerzeit des islamischen Staats, fromme Belehrungen und Diskussionen. Vor ein, zwei oder drei Uhr morgens geht kaum einer zu Bett – nur, um nach wenigen Stunden von einem auf der Straße wandelnden Trommler geweckt zu werden. Der erinnert die Schlafenden mit seinem Getrommel an die Möglichkeit einer letzten Mahlzeit und das erste Gebet zur Morgendämmerung.

Für die meisten fängt der Tag damit an im Ramadan-Rhytmus. Schließlich braucht es Zeit, jeden Tag ein neues Festmahl auszutüfteln. Beendet wird der Monat mit dem Eid, einem dreitägigen Fest, dass an Stimmung und Ausmaß am ehesten mit Weihnachten zu vergleichen ist. Familie und Freunde kommen zusammen – und verabschieden den Ramadan mit einem noch größeren Festessen.

Wirklich gearbeitet wird im Ramadan sehr wenig. Der Arbeitsplatz wird, besonders gerne in Ämtern und Behörden, lieber zur stillen Einkehr genutzt: In Form eines Nickerchens oder aber der Koranlektüre. In aller Ruhe wird am Schalter und in den Büros im heiligen Buch gelesen, der Polizist auf der Straße hat eine Taschenausgabe dabei, der Taxifahrer lässt Kassetten laufen. Schließlich ist Ramadan und fast alles Weltliche kann warten bis nach dem Fastenmonat.

(sueddeutsche.de)