TesbihFür die Anhänger der islamischen Mystik ist die Osmanische Herberge in Kall in der Eifel eine Idylle. Kinder laufen vor dem Haus über den Rasen, Muslime und Nichtmuslime unterhalten sich, essen gemeinsam und tauschen Erfahrungen aus.

«Diese Einrichtung ist offen für jeden. „Hier wird niemand ausgeschlossen», sagt Ahmad Adamek. Er leitet den Haqqani-Trust, der die Osmanische Herberge trägt. Das Gebäude hat Gästeräume, ein orientalisches Restaurant sowie einen großen Saal, in dem regelmäßig kulturelle Veranstaltungen und das wöchentliche Dhikr – die Anrufung Gottes und die Meditation – stattfinden.

Daran nehmen jeweils 200 bis 400 Menschen teil. Auch eine kleine Moschee und sanitäre Anlagen speziell für die rituelle Waschung stehen zur Verfügung.

Die Medien würden viele Dinge über den Islam verbreiten, die so nicht stimmen, sagt Adamek und verweist auf die Kopftuchdebatte. Es gäbe keinen Kopftuchzwang, die Entscheidung, welche religiösen Regeln man umsetzt, müsse jeder für sich selbst treffen. Und so trifft man auch in der Herberge Frauen mit und ohne Kopftuch an, Männer in traditioneller und auch in legerer Alltagskleidung.

An den Wänden in dem nach Patchouli duftenden Herbergsgebäude hängen Kalligraphien und immer wieder Fotos des obersten Naqshbandi-Sheikhs, Muhammad Nazim Adil al-Haqqani, einem direkten Nachfahren des Propheten Muhammad.

Die Naqshbandi sind eine Minderheit unter den Muslimen. Ihre Niederlassung in der Eifel hat Sheikh Hassan Dyck seit 1985 aufgebaut. Er ist Deutscher, in Berlin aufgewachsen und christlich erzogen. Während einer Reise nach Saudi-Arabien lernte er den ägyptischen Sufi-Sheikh Al-Haqqani kennen und konvertierte zum Islam. Heute ist er ständig umringt von Menschen. In der Osmanischen Herberge kennt ihn jeder und Sheikh Hassan nimmt sich für jeden Zeit. So auch für einen jungen Mann aus Kasachstan, der den Sheikh in ganz praktischen Lebensfragen um Rat bittet.

Das Ziel, so erzählt er, sei die Vervollkommnung des menschlichen Charakters und das Ablegen schlechter Eigenschaften: «Wir sind fehlerhaft und können nicht immer richtig handeln. Aber wir können es versuchen, angefangen beim gegenseitigen Umgang.» Der Sinn des Lebens seien Einsicht und Erkenntnis.

«Globalen Frieden kann es nur durch den Frieden des Einzelnen geben. Solange nicht jeder Mensch den Frieden in sich trägt, bringen all die politischen Diskussionen gar nichts», betonte Sheikh Hassan. Und dennoch ist die Osmanische Herberge vor vier Jahren in die Schlagzeilen geraten.

Nach einen anonymen Terror-Hinweis wurde die Einrichtung auf Veranlassung der Bundesanwaltschaft von der Polizei durchsucht. Türen seien eingetreten worden, das Inventar beschädigt, Akten beschlagnahmt. Und es sei unschön gewesen, wie die Beamten mit den Menschen hier umgesprungen seien, erinnert sich Ahmad Adamek. Letztendlich erwies sich der anonyme Hinweis als Verleumdung.

Heute sieht das nordrhein-westfälische Innenministerium bei der Sufi-Gemeinde in der Eifel keine Anhaltspunkte für islamistische Bestrebungen. Es handele es sich um Menschen, die ihre Spiritualität verwirklichen wollten, sagte eine Sprecherin auf Anfrage. «Letztendlich war es gut, dass die Razzia passiert ist», fügt Ahmad Adamek an. Denn nun wisse jeder, dass hier alles mit rechten Dingen zugehe, dass die Sufis keine Geheimnisse und mit Gewalt, erst recht mit Terror, nichts zu schaffen haben: «Die Menschen können hier herkommen und sich ansehen, wie der Islam wirklich ist.»

(ddp).