Selahaddin E. Çakırgil
Mevlana celaleddin rumiEs gibt Wörter, die, wenn sie jemandem als Beinamen gegeben werden, mit der Zeit an Bedeutung gewinnen und so geläufig werden, dass sie irgendwann wichtiger als der richtige Name werden. Dieser Beiname erlangt nach und nach fast eine Allgemeingültigkeit, so dass die wahre Persönlichkeit in den Schatten gestellt wird.

Es gibt Wörter, die, wenn sie jemandem als Beinamen gegeben werden, mit der Zeit an Bedeutung gewinnen und so geläufig werden, dass sie irgendwann wichtiger als der richtige Name werden. Dieser Beiname erlangt nach und nach fast eine Allgemeingültigkeit, so dass die wahre Persönlichkeit in den Schatten gestellt wird.

Dies trifft auch für Dschalâladdîn Balhî (oder Rûmî) zu, auf dessen Person und Werke wir kurz eingehen werden. Denn Dschalâladdîns Persönlichkeit wird von dem Beinamen „Mawlânâ“, mit dem er Berühmtheit erlangte, nun schon seit Jahrhunderten überschattet.

Mawlânâ“ ist kein Name, sondern vielmehr ein Attribut oder eine Form der Anrede, das die Bedeutung „unser Herr“ trägt, wobei darauf hingewiesen werden sollte, dass Allah „Mawlâ“ genannt wird.

Im arabischen Raum und unter den Muslimen Indiens sind Ausdrücke wie „Mawlânâ“, „Schajchunâ“ und „Sajjidinâ“ sehr geläufig. Wie aber im Falle des Dschalâladdîn werden diese Begriffe dazu verwendet, um den hohen Status der Person zu verdeutlichen.

So kommt es dazu, dass heutzutage die Bezeichnung „Mawlânâ“ nicht als ein Beiname, sondern vielmehr als der Vorname Dschalâladdîns angesehen wird.

In Verbindung mit der Anrede „Hazrat“, die man für Propheten und besonders gottesfürchtige Menschen benutzt, ergeben sich anmaßende Zustände, in denen Dschalâladdîn mit dem Gesandten Gottes verglichen wird. Derartige Vorkommnisse erscheinen grotesk, wenn man bedenkt, dass dieselbe Person in seinen Werken dazu aufrief maßvoll zu sein, sowohl im Hass als auch in der Bewunderung, um späteres Leid zu vermeiden.

So werden wir uns in diesem Artikel mit dieser bedeutenden Persönlichkeit beschäftigen, die zunächst, nach dem Geburtsort Balh, Dschalâladdîn Balhî und später, nach dem Umzug nach Anatolien, dem „Dijâr-i Rûm“ (Römisches Kaiserreich), als Dschalâladdîn Rûmî bezeichnet wurde.

Es ist eine komplizierte Angelegenheit sich mit der Person Dschalâladdîn Rûmîs auseinanderzusetzen, zumal der Umfang dieses Textes nicht ausreichen wird, um den weisen Meister der Wortkunst hinreichend darzustellen und zu erklären.

Denn die Person, um die es sich hierbei handelt, war ein unglaubliches Talent, dem die Gedichte und die weisen Sprüche nahezu wie ein Fluss von den Lippen strömten. Seine Schreiber hatten Mühe seine Reden und Gedichte zu erfassen, denn sie flossen unaufhörlich aus ihm hinaus. Er verfügte über ein umfangreiches Wissen über die Religionen, die Propheten und insbesondere über den Koran und den Gesandten Gottes Muhammad (saw). All seine Werke basierten auf umfangreichem Wissen, was ihnen einen epochenübergreifenden Charakter verlieh. Außerdem ist er ein wichtiger Vertreter der persischen Sprache und Literatur.Bezüglich seiner Weltanschauung ist er zweifellos ein großer Gelehrter und muslimischer Gebildeter.

Aber das bedeutet nicht, dass er frei von jeglichen Sünden und Fehlern war. Obwohl er in seinen Werken darauf hinweist, dass maßlose Liebe zu Vielgötterei führen kann, war er selbst zeitweise solch einer Liebe und Verehrung verfallen. Dies führte dazu, dass seine Person und seine Werke sehr unterschiedlich, teils konträr, bewertet wurden.

Von einigen wurde er als „buchloser Prophet“ verwehrt, von anderen als Ketzer bezeichnet. Für die einen war er „Allahs Freund“, ein Philosoph, ein Dichter, ein Meister der Wortkunst oder ein Ordensführer. Andere erklärten ihn, aufgrund seiner Ausdrücke in manchen seiner Geschichten, für verstört und einige wiederum sahen in ihm den Vorreiter der Freud’schen Psychoanalyse.

Aber was war er nun wirklich?

Über sich selbst sagte er, dass er, solange er lebe, dem Koran dienen und dem Weg des Gesandten Gottes folgen werde. Damit distanziert er sich von den Menschen, die mehr in ihm sehen. Aber nicht alles was von ihm überliefert wurde, ist als Tatsache anzusehen. Ja, wir sollten durchaus von dieser Wissensquelle der islamischen Kultur schöpfen, aber in dem richtigen Maß.

Dschalâladdîn sagte in Anlehnung an den von Muhammad (saw) überlieferten Hadîth „Sprecht zu euren Gesprächspartner ihrem Verstand gemäß“, dass er während seines ganzen Lebens zu den Sultanen, Wesiren, den Gelehrten, den Weisen und den Dichtern in der Sprache redete, die sie am besten verstanden. In seinen Werken sind hierfür etliche Beispiele vorzufinden. Neben den sprachlichen und inhaltlichen Glanzleistungen, beinhalten seine Werke auch Abschnitte, die einen groben Schreibstil vorweisen. Darüber hinaus, fasste er sein Leben mit drei Adjektiven zusammen: „Ich war roh / wurde gar / und brannte“. Aus eigenen Erfahrungen wissen wir, dass der Mensch einem Reifungsprozess unterliegt und zwischen den verschieden Reifestufen große Unterschiede bezüglich seiner Gedanken, Ansichten, Reden und Schriften liegen.

Dschalâladdîn verließ in jungen Jahren mit seinem Vater seine Geburtsstadt Belkh, reiste über den Iran nach Anatolien und ließ sich schließlich in Konya nieder. Die Methode, die er anwandte, um sich und sein Volk im finsteren Zeitalter der mongolischen Besetzung vor der Unwissenheit zu bewahren und den islamischen Glauben aufrechtzuerhalten mag uns abwegig erscheinen. Aber unter den damaligen Bedingungen ist seine Vorgehensweise vielleicht entschuldbar. Es liegt demnach kein Problem vor, solange klargestellt ist, dass er weder frei von Sünden, noch ein Führer war. Um es mit den Worten eines Gelehrten auszudrücken: „Dichter und Sufis sind wie Kinder, Kindern werden ihre Fehler auch nicht übel genommen.“

Bei der Auseinandersetzung mit Dschalâladdîn, kommt man nicht umhin auf den Begriff des Tasawwuf (Sufismus) einzugehen.

Über die Herkunft des Begriffs Tasawwuf gibt es Uneinigkeit. Zum einen wird gesagt, dass er vom arabischen Wort „sûf“, (Wollgewand) abstammt, das mit einem einfachen Leben assoziiert wird, was charakteristisch für den Sufismus ist. Zum anderen wird der Begriff vom griechischen Wort Sophos (Weisheit) hergeleitet. Wie in jedem Berufszweig gibt es auch im Tasawwuf Fachausdrücke, dessen Bedeutung nur die Menschen kennen, die sich in diesem Umfeld bewegen: „Die es nicht geschmeckt haben, werden es nicht kennen.“ Als man Dschalâladdîn fragte, was einen wahrhaften Gottesverehrer ausmache, so antwortete er: „Wenn du so wirst wie ich, wirst du es erfahren.“

In manchen Sprachen wird Tasawwuf mit Askese und Armut in Zusammenhang gebracht, in anderen wiederum mit Weisheit. Weisheit setzt voraus, dass man über die Welt und die Schöpfung nachdenkt, dass man versucht das Buch der Schöpfung zu lesen und auf diesem Wege zu einer Weltanschauung zu gelangen, die man dann anderen vermitteln kann. Im Koran wird häufig auf die Wichtigkeit des Nachdenkens über Allahs Schöpfung hingewiesen, wie zum Beispiel in der Sure Âli Imrân: „Die da Allahs gedenken im Stehen und Sitzen und Liegen und über die Schöpfung der Himmel und der Erde nachdenken: »Unser Herr, Du hast dies nicht umsonst erschaffen! Preis sei Dir! Bewahre uns vor der Feuerspein!“

Dschalâladdîn ist ein Mystiker, der sich das Nachdenken über die Natur zu Eigen machte. Kritiker der Mystik entgegneten zwar, dass Sufismus zur Faulheit, Trägheit und zu einer fatalen Form der Selbstaufgabe führe, aber positive Aspekte sind ebenfalls nicht von der Hand zu weisen, wie beispielsweise die Erziehung des Egos, was im Sufismus eine wichtige Rolle spielt. Man muss dabei sein Augenmerk nur auf die tiefen Weisheiten der islamischen Mystik lenken. Ansonsten sind viele feine Auszüge nicht zu verstehen. Und nicht jedes Gewicht kann von jeder Waage erfasst werden. Dass einige der großen Mystiker als Schajch-i akbar (der größte Schajch) andere als Schajch-i akfar (der ungläubigste Schajch) bezeichnet wurden, ist wohl auf diese Tatsache zurück zu führen.

Die Propheten erkannten in einem Tropfen den gesamten Ozean, andere jedoch hielten den Tropfen für den Ozean selbst und ertranken darin. Dasselbe ist auf die islamische Mystik übertragbar: Von der unendlichen Weisheit zu profitieren ist durchaus legitim, aber die Gefahren, die es birgt dürfen nicht außer Acht gelassen werden.

Obgleich Dschalâladdîn sagte, dass er, solange er lebe, dem Kora dienen wolle, sind nicht alle Ansichten aus seinem Werk „Masnawî“ mit dem Koran vereinbar. In den Werken Dschalâladdîns wurden vielfach Auszüge entdeckt, über die einige Mawlawîs sagten, dass sie wohl später hinzugefügt worden seien. Somit versuchte man seine Unantastbarkeit zu bewahren, obwohl es um so viel einfacher gewesen wäre einzuräumen, dass auch er Fehler hatte und nicht frei von Sünden war.

Selbst Dschalâladdîn berühmter Vierzeiler „Komm, wer auch immer du bist, komm / Egal ob Gottloser, Feueranbeter oder Heide, komm / Dies ist nicht das Tor der Hoffnungslosigkeit / Selbst, wenn du hunderte Male deinen Reueschwur gebrochen hast, komm dennoch!“ blieb nicht von Kritik verschont. Ihm wurde vorgeworfen, dass er leichtsinnig mit dem Begriff der Tawba (Reue) umginge. Aber eine andere Sichtweise ist hier vielleicht angemessener. Es wäre angebracht, in dem Vierzeiler nicht mehr als eine Erinnerung an Allahs Gnade zu sehen und sich zu erinnern, dass das Tor zur Einsicht für alle Menschen offen steht. Denn bekanntermaßen werden auch im Koran die Menschen dazu aufgefordert die Hoffnung auf Vergebung nicht zu verlieren: „Verzweifelt nicht an Allahs Barmherzigkeit!“ [39:53]