Die Akademie der Wissenschaften stellt ihr großes Koran-Projekt vor

Christian Esch

Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, von außen betrachtet ein Ort bedächtiger Forschung, ist in Wahrheit eine Brutstätte der Revolution. Hier entsteht ein Buch, „das imstande sein wird, Herrscher zu stürzen und Reiche zu wenden“ – nämlich eine historisch-kritische Ausgabe des Korans. So schrieb es FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher vor einigen Wochen. Artikel wie dieser waren der Grund, warum die Akademie der Wissenschaften zu einem ungewöhnlich frühen Zeitpunkt ihr Forschungsprojekt „Corpus Coranicum“ vorgestellt hat.

Volker Gerhardt, Vizepräsident der Akademie, war am Freitag sichtlich bemüht, die Tonlage herunterzustimmen und dem Eindruck entgegenzutreten, hier werde an einer intellektuellen Bombe im Kampf der Kulturen gebastelt: Zwei Jahrhunderte kritischer Exegese des Alten und Neuen Testaments hätten doch auch keine Herrscher gestürzt und keine Imperien zusammenbrechen lassen.

Gezeugt, nicht geschaffen

Aber einige Schranken werden durchaus eingerissen, wie die Projektmitarbeiter – FU-Professorin Angelika Neuwirth sowie Nicolai Sinai und Michael Marx – erkennen ließen. Anders als in der islamischen Tradition soll der Koran nicht als Heilige Schrift erforscht werden, was er zur Zeit seiner Entstehung noch nicht sein konnte, sondern gewissermaßen als „Religionsgespräch“ – also als Text, der auf ganz andere, aber zur selben Zeit und in der selben Gegend kursierende Texte und Vorstellungen Bezug nehmen konnte oder musste. Es geht also um weniger und zugleich um mehr als um eine historisch-kritische Edition. Tatsächlich soll der Text auch nicht neu ediert, sondern seine Geschichte samt Varianten und Lesarten dokumentiert werden; dann aber wird in einer zweiten Stufe nach Schnittpunkten zwischen Koranstellen sowie jüdischen, christlichen oder heidnischen Texten der Zeit gesucht. Wenn etwa die Sure 112 vom „einzigen“ Gott handelt und besagt, „er zeugt nicht und ist nicht gezeugt“, dann haben Hörer dieser Botschaft ähnliche Stellen aus dem Gebet „Höre, Israel“ oder aus dem Nicänischen Glaubensbekenntnis (wonach Jesus „gezeugt, nicht geschaffen“ ist) mitgehört. Solche Schnittpunkte oder „Intertexte“ – bisher sind 200 identifiziert worden – versammelt eine Datenbank, die 2009 freigeschaltet wird.

Die Rede vom „Schnittpunkt“ oder „Intertext“ statt von „Quellen“ erlaubt es, das historische Umfeld des Koran zu erkunden, ohne – wie der große Koranforscher Abraham Geiger im frühen 19. Jahrhundert – zu suggerieren, Koranstellen seien von älteren Texten abgeschrieben. Dennoch könne man so „den Koran in Europa unterbringen“, wie Michael Marx es formulierte. Die dritte Stufe des Projekts ist ein historisch-kritischer Kommentar, der die Suren in ihrer mutmaßlichen zeitlichen Abfolge abhandelt. Die Zusammenarbeit mit Forschern in islamischen Ländern sei eng und gut, sagte Neuwirth. Und die Resonanz in der arabischen Presse zwar gering, aber wohlwollend bis neutral, so Marx. Man hofft, die Datenbank auch auf arabisch oder persisch zugänglich zu machen.

Berliner Zeitung,