Die-lehre-des-islam

PROF. DR. MUHAMMMAD HAMIDULLAH
Anhang: Hamidullah die Lehre DesIslam Auszug.pdf (194 KB)

Muhammad Hamidullah

Vorwort

Am 19. Dezember 2002 verstarb mit Prof. Dr. Muhammad Hamidullah1 einer der bedeutendsten muslimischen Gelehrten Europas. Als Dozent an Hochschulen hat er weltweit hunderte Gelehrte ausgebildet und durch seine Werke über den Islam und den Gesandten Gottes (Friede sei mit ihm), die in vielen Sprachen vorliegen, zum besseren Verständnis des Islam und der Muslime beigetragen. Im Gedenken an Prof. Dr. Hamidullah und seine fruchtbare Arbeit, freuen wir uns, sein Werk „Der Islam – Geschichte, Religion, Kultur“, inzwischen ein Standardwerk über den Islam, in einer Neuauflage herausgeben zu können.

Möge Allah seine Arbeit annehmen und ihm gegenüber barmherzig sein.

Einleitung

Das vorliegende Buch beinhaltet die Kapitel „Die Lebensauffassung“ und „Der Mensch und sein Glaube“ von Prof. Dr. Muhammad Hamidullahs Werk „Der Islam

– Geschichte, Religion, Kultur“, das ich überarbeiten durfte und welches in einer siebenteiligen Reihe herausgegeben wurde.

Das erste Kapitel des vorliegenden Werkes beginnt mit einer Darlegung der Gründe für die Entwicklung bzw. den Untergang einer Zivilisation, um anschließend anhand einiger Beispiele die Praxis der islamischen Glaubenslehre zu schildern. Im zweiten Kapitel werden anschließend, ausgehend von einer bekannten Überlieferung, die sechs grundlegenden Glaubensinhalte erklärt.

Die Überarbeitung bestand darin, Bezug nehmend auf den französischen Originaltext und die vorhandene deutsche Übersetzung sprachliche und stilistische Mängel, die bei einer wortwörtlichen Übersetzung auftreten, weitestgehend zu beseitigen, ohne dabei die Eigenheit von Prof. Hamidullahs Text zu verändern.

Die in Klammern eingefügten längeren Erläuterungen im Originaltext wurden als Anmerkungen an den Text angehängt. Ebenfalls als Anmerkungen wurden Erläuterungen und Hinweise, sowie Koran-verse hinzugefügt, die auf Prof. Hamidullahs eigener Übersetzung und ergänzend Muhammad Rassouls

[ 4] [ 5]

„Al-Qur’ân al-Karîm und seine ungefähre Bedeutung“ und Max Hennings „Der Koran“ basieren.

Vorangestellt ist ebenfalls eine Transkriptionstabelle, die dem unerfahrenen Leser bei der Aussprache arabischstämmiger Begriffe behilflich sein soll, aber der Verständlichkeit halber weitestgehend keinen Unterschied zwischen ähnlich klingenden Buchstaben macht, von denen es im Arabischen mehrere gibt. Erfahrene Leser werden sich auch ohne diese Hilfe zurechtfinden.

Der angehängte kurze Glossar soll eine weitere Stütze darstellen.

Abschließend noch eine Bemerkung zu einer Eigenart des Verfassers: Muhammad Hamidullah hat all seine Werke der Übersichtlichkeit wegen grundsätzlich in Paragraphen und Abschnitte unterteilt. In der vorliegenden Auflage wurde die ursprüngliche Nummerierung nicht angegeben. Um jedoch dieses Prinzip Hamidullahs beizubehalten, wurden die Abschnitte von Anfang an durchnummeriert.

Wir wünschen, dass das vorliegende Werk zum besseren Verständnis des Islams und der Muslime beitragen kann.

Ali Mete

Köln, August 2007

Transkriptionstabelle

Lateinischer Buchstabe Arabischer Buchstabe Beispiel(e) Hinweis zur Aussprache
a, i, u A ª Allah, Îmân, Kûba Die Betonung der Silben wird durch folgende Zeichen hervorgehoben: â, î, û
Alak, Âdijât
b L d Bismillâh, Bakara
ch Chajr, Chajbar wie Bach oder Nacht
d e Duâ, Dschihâd
~ Ard, Duhâ
dsch Dschanna, Dschuz wie Dschungel
f Fâtiha, Fadschr
ğ X ² ® ` Ğafûr, Ğajb ähnlich dem r in richtig (weiches Gaumen-r)
h Hadsch, Halâl
Ç Hûrî, Hûd
j Bajtullah wie Jahr oder Joghurt
k ? ¶º Kalam, Koran
Kalâm
l ¾ Lukmân, Lajl
m Muhammad, Munâfik
n  Æi Nûh, Nikâh
r Rasûl, Rûh gerolltes Zungen-r
s px Salâm, Sudschûd wie Raspel, Rassel
Sabr, Samad, Salâh
sch Scharîa, Schirk
t t P ¢ T Tawâf, Tawhîd
Tûr, Tîn
th Hadîth wie engl. „think“, „three“
w Ë Wahij, Wakîl wie engl. „window“
g Zikr Das z wird wie das weiche s in Rasen oder Hase gesprochen, niemals wie das z in Zeichen.
z k ¦ Zamzam, Zamân
Zan

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Muhammad Hamidullah

INHALT

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5

Transkriptionstabelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7

DIELEBENSAUFFASSUNG . . . . . . . . . . . . . . . . .10

Islamische Lehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .15

Der Glaube an Gott . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .22

Die Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .24

Die Nationalität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .25

Das Wirtschaftsverständnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .27

Der freie Wille

und die Vorherbestimmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .28

DER MENSCH UND SEIN GLAUBE . . .31

Gott . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .33

Die Engel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .37

Die offenbarten Bücher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .43

Die Botschafter Gottes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .45

Die Lehre vom Jenseits . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .47

Vorherbestimmung und freier Wille . . . . . . . . .51

Schlussfolgerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .53

Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .54

Kurzer Glossar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .58

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Wenn wir die Eigenschaften von etwa zwanzig vorhergegangenen Zivilisationen studieren, kann die Behauptung, dass, während eine gewisse Gruppe eine bestimmte Zivilisation besitzt, die ganze übrige Menschheit wild, barbarisch oder unzivilisiert gelebt habe, nicht aufrecht erhalten werden.

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DIE LEBENSAUFFASSUNG

1) Die Lebensfähigkeit einer Gesellschaft, eines Volkes oder einer Zivilisation hängt zum großen Teil von der Lebensphilosophie ab, die diese Gesellschaft besitzt und anwendet. Der triebhafte Mensch denkt im Naturzustand nur an sich und an seine nächsten Verwandten. Aber in jedem Abschnitt der uns bekannten Geschichte sind Gruppen von Menschen anzutreffen, die sich besonders ausgezeichnet haben. Wenn wir die Eigenschaften von etwa zwanzig vorhergegangenen Zivilisationen studieren, kann die Behauptung, dass, während eine gewisse Gruppe eine bestimmte Zivilisation besitzt, die ganze übrige Menschheit wild, barbarisch oder unzivilisiert gelebt habe, nicht aufrecht erhalten werden. Es handelt sich viel mehr um einen gewissen Vorsprung vor den anderen Gruppen, die sich staffelförmig entsprechend den verschiedenen Graden der Kultur aufbauen. Zur Zeit der Phönizier beispielsweise waren auch andere Völker fast genau so weit entwikkelt. Es fehlte ihnen nur die Gelegenheit, das Betätigungsfeld. Zur Zeit des arabischen Islam besaßen die Griechen, die Römer, die Chinesen, die Inder und andere alle Merkmale zivilisierter Völker, ohne jedoch Bannerträger der damaligen Kultur zu sein. Wenn auch in

Muhammad Hamidullah

unserer heutigen Zeit die Vereinigten Staaten

und die Sowjets die Führung der nuklearen Macht übernehmen und die Engländer, die Chinesen, die Franzosen und die Deutschen ihnen ziemlich nahe folgen, so bleibt doch in dieser zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch eine ganze Reihe von niedrigen Kulturen übrig, die sich bis zur völligen Wildheit und vielleicht bei einzelnen abgesonderten Stämmen sogar bis zu Kannibalismus erstreckt.

2) Es stellen sich also die Fragen, warum sich die eine Kultur rasch, die andere aber langsamer entwickelt hat. Warum gab es in Westeuropa Barbaren zur Zeit der höchsten griechischen Kultur? Warum war Russland barbarisch im Zeitalter arabischen Glanzes? Handelt es sich da schlicht und einfach um Zufälle oder gar um die Leistung von großen und edlen Persönlichkeiten, die dem Schoß einer bestimmten Gruppe entstammten, von der die anderen ausgeschlossen waren? Es gibt vielleicht noch andere, komplexere Erklärungen, die von mehreren Ursachen abhängen und den Erfolg der einen, den Niedergang und selbst die Vernichtung der anderen zur Folge haben.

3) Eine andere wichtige Frage ist, warum ein Volk nach einem momentanen Aufglänzen in eine gewisse Verfinsterung, ja sogar fast in Barbarei zurückfallen kann?

4) Wir haben uns vorgenommen, diese Frage vom Standpunkt des heutigen Islams aus

 

Die Lehre des Islams

zu prüfen, um die Aussichten für sein Überleben zu finden.

5) Wenn wir Ibni Chaldûn glauben können, so gibt es ein biologisches Gesetz, das zur wesentlichen Ursache für den Verfall einer Kultur werden kann: Am Ende einer einzigen Generation ist der Stamm erschöpft und zu seinem Weiterbestand bedarf es eines Wechsels zumindest in der führenden Schicht. Diese übertriebene Behauptung kann für ethnische Zivilisationen und für Religionen, die keine Konversion zulassen, zutreffend sein. Der Islam entgeht von diesem Gesichtspunkt aus dem Kreislauf des Verfalls, denn er hat seine Anhänger bei allen Rassen und macht ständig mehr oder weniger große Fortschritte in der ganzen Welt. Außerdem ist es dem Islam nach allgemeiner Ansicht gelungen, die Rassenvorurteile in seiner Gemeinschaft fast vollständig auszulöschen. Dies erlaubt ihm, jeden ohne Bedenken aufzunehmen und ihn zum Führer und Bannerträger zu machen, gleich welcher Rasse er angehört. Die systematische Freilassung der Sklaven, die vom Koran befohlen wird, ist ein treffendes Beispiel dafür. In der islamischen Geschichte sind verschiedene Herrscherhäuser bekannt, die von freigelassenen Sklaven abstammen.

6) Das Leben oder das Ende einer Zivilisation kann gleichermaßen von der Beschaffenheit ihrer Grundlehre abhängen. Wenn sie ihre Anhänger zur Weltentsagung auffordert, wird die Geistigkeit gewiss uner

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messliche Fortschritte machen, aber die anderen Bestandteile des Menschen – sein Körper und seine intellektuellen Fähigkeiten – werden ihre naturgegebenen Tätigkeiten nicht mehr ausüben und umkommen, bevor sie sich richtig entfalten konnten. Wenn aber die Kultur hauptsächlich den materiellen Gesichtspunkt betont, wird der Mensch ebenfalls auf gewissen Gebieten Fortschritte auf Kosten der anderen Anlagen machen. Diese Zivilisation kann dadurch zum Bumerang für sich selbst und damit zur Ursache ihres eigenen Endes werden, denn meist ist die Folge des Materialismus Selbstsucht und damit auch das Fehlen der Achtung vor dem Recht des Anderen. Der Materialismus schafft sich dadurch Feinde, die nur darauf warten bis ihre Zeit kommt. Das Ergebnis ist gegenseitige Tötung. Die Fabel der beiden Räuber, die Beute gemacht hatten, ist ja bekannt. Einer der beiden begab sich in die Stadt, um Vorräte einzukaufen, während der andere Holz zum Feuermachen sammelte. Jeder aber beschloss insgeheim, sich des anderen zu entledigen, um allein in den Genuss des ungerechten Gewinnes zu kommen. Der, der eingekauft hatte, vergiftete die Vorräte, aber sein Kamerad legte sich in den Hinterhalt und tötete ihn bei der Rückkehr. Als er jedoch die Lebensmittel verzehrte, wurde er bald mit dem anderen im Jenseits wieder vereint.

7) Eine Zivilisation kann noch auf andere

Muhammad Hamidullah

Das Leben oder das Ende einer Zivilisation kann gleichermaßen von der Beschaffenheit ihrer Grundlehre abhängen.

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Die Lehre des Islams

Weise untergehen, nämlich, wenn sie in sich selbst keine Fähigkeit zur Weiterentwicklung und zur Anpassung an die Umstände hat. Ihre Lehre, sei sie zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt auch noch so gut, wird es zu einer anderen Zeit nicht mehr sein. Hierzu ein alltägliches Beispiel: In einer Zeit, in der es kein elektrisches Licht gab und die Orte des Kultes nicht über ständige Einkünfte verfügten, war es sicherlich ein Akt der Frömmigkeit dem Heiligtum Kerzen zu spenden. Nichts widerspricht dem Glauben, dass ein Akt der Frömmigkeit für einen Reumütigen Buße bedeutet, die eine Sünde gegen Gott oder einen Menschen auslöschen kann. Wenn man aber in unseren Tagen fortfährt, eine kleine Kerze in einem Raum anzuzünden, der ohnehin schon von strahlenden elektrischen Lampen erhellt ist, ist das nicht eher eine Verschwendung? Prüfen wir nun den Islam gemäß diesen verschiedenen Erfordernissen für sein Überleben und den konstanten Fortschritt.

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Islamische Lehre

8) Es ist bekannt, dass das Motto des Islams wie folgt lautet: „Wohlergehen im Diesseits ebenso wie Wohlergehen im Jenseits.“2 Dieses Motto ist offensichtlich mit den extrem entgegengesetzten Anschauungen der Ultra-Spiritualisten, die vollständig auf die Welt verzichten wollen und der Ultra-Materialisten unvereinbar, kann jedoch von der weitesten Mehrheit derer, die einen Mittelweg suchen, angewandt werden, da es Körper und Geist gleichzeitig zu entwickeln sucht und ein harmonisches Gleichgewicht für alles Menschliche schafft. Der Islam besteht nicht nur darauf, dass diese beiden menschlichen Anlagen wichtig sind, sondern auch, dass sie sich gegenseitig ergänzen, so dass die eine nicht zugunsten der anderen geopfert zu werden braucht. Wenn Gott also geistige Handlungen und Pflichten vorschreibt, zeigt er dabei auch ihre materiellen Vorteile. Wenn er einen Akt weltlicher Notwendigkeit empfiehlt, gibt er an, wie dieser Akt gleichzeitig eine Quelle geistiger Entfaltung werden kann. Hierzu sollen im Folgenden einige Beispiele genannt werden.

9) Das Ziel religiöser Praktiken ist die Annäherung an das höchste Wesen, unseren Schöpfer und Herrn und die Erlangung Seines Wohlwollens. Der Mensch versucht, sich „nach der Farbe Gottes zu färben“3, wie der Koran es ausdrückt, mit Seinen Augen zu sehen, mit Seinem

Muhammad Hamidullah

„Wohlergehen im Diesseits ebenso wie Wohlergehen im Jenseits.“

Wenn Gott also geistige Handlungen und Pflichten vorschreibt, zeigt er dabei auch ihre materiellen Vorteile.

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as vorliegende Werk beginnt mit einer Darlegung der Gründe für die Entwicklung bzw. den Untergang einer Zivilisation, um anschließend anhand einiger Beispiele die Praxis der islamischen Glaubenslehre zu schildern. Im zweiten Kapitel werden anschließend, ausgehend von einer bekannten Überlieferung, die sechs grundlegenden Glaubensinhalte erklärt.

 

Titel der französischen Originalausgabe:

Initiation à l’Islam Paris, 1963

Titel der deutschen Übersetzung:

Der Islam – Geschichte, Religion, Kultur Genf, 1973

Herausgegeben von:

KITAP KULÜBÜ

Merheimer Str. 229, D-50733 KÖLN, DEUTSCHLAND

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