Fahraddîn Râzî (1149-1210), ein vielseitiger Gelehrter, der sich nahezu in allen Wissenschaftszweigen seiner Zeit, wie Koranexegese, Philosophie, Logik, Astronomie, Medizin und Mathematik Wissen aneignete, verfasste zahlreiche Werke von großer Bedeutung.

Aufgrund seiner Vielseitigkeit erhielt er den  Beinamen „Allâma“ und war bekannt für seine überdurchschnittliche Intelligenz und seinen Ehrgeiz, die dazu beitrugen, dass er sich in kurzer Zeit Wissen aneignen konnte. Mit seinen Studienreisen in die damaligen Bildungszentren Buhara, Samarkand und Tus machte er sich einen Namen neben anderen Gelehrten seiner Zeit wie Ibni Ruschd al-Hafîd, Muhjiddîn ibni Arabi, Abdulkâdir Gajlânî und Izzeddîn bin Abdussalâm. Seine gute Auffassungsgabe, sein gutes Gedächtnis und seine Fähigkeiten in der Rhetorik machten Râzî zu einem der bedeutendsten Denker des 12. Jahrhunderts. Sein rhetorisches Talent zog Zuhörer aus jeder Bevölkerungsschicht an. Râzîs Ansichten verbreiteten sich durch die Lektüre seiner Bücher und machten ihn über seine Zeit hinweg berühmt.

Râzî wurde vor allem im Bereich der religiösen Wissenschaften berühmt. Seine Ansichten in Fragen des Rechts verewigte er zwar in seinen Erläuterungen zu Gazâlis Werk „Al-Vadschîz“, aber das Buch erreichte unsere Zeit nicht, so dass man einige seiner Ansichten in seinen Werken „Munâzarât“ und „Mafâtîhul Ğajb“ erfahren kann. In Bezug auf Methode und Ausführungsweise bevorzugte er die schafîtische Rechtsschule. Doch obwohl er der dieser Rechtsschule angehörte, war er geneigt gemäß dem Wortlaut eines Gebotes (Nas) zu richten. Er war der Meinung, dass alles erlaubt sei, wofür nicht ausdrücklich ein Verbot bestand und lehnte die Abrogation (Nash) im Koran ab. Innerhalb der religiösen Wissenschaften ragte er insbesondere im Bereich der Koranexegese und der Theologie (Kalâm) hervor. In seiner Koranexegese wandte er erfolgreich die „Dirâjat-Methode“ an, die nicht nur Überlieferungen zu den Versen mit einbezieht, sondern die Wissenschaften außerhalb der religiösen Wissenschaften beachtet. Er wurde damit zur Quelle für fast alle nachfolgenden Koraninterpreten. Râzî machte Gebrauch von den damaligen wissenschaftlichen Erkenntnissen und war somit der Vorreiter der wissenschaftlichen Koranexegese. Unter Einfluss von Ibni Sînâ schrieb er in seiner Exegese, dass die Erde rund sei – ein Hinweis darauf, dass er wissenschaftliche Erkenntnisse verfolgte und sie in seine Arbeiten mit einbezog. Râzî zufolge waren die Gebote des Korans wortwörtlich zu verstehen, soweit sie nicht zu einem unmittelbaren, mit der Vernunft auf keinen Fall zu vereinbarenden Schluss führten. Da zwischen dem ungetrübten Verstand und der vertrauenswürdigen Überlieferung kein Widerspruch besteht, müssen diese als interpretationsfähig angesehen werden und unter Einbeziehung aller Möglichkeiten ausgelegt werden. Im Allgemeinen wandte Râzî in seiner Exegese nicht nur die „Dirâjat-Methode“ an, sondern erwähnte auch die Überlieferungen zu den Versen und machte Angaben über deren Hintergründe und verschiedene Lesarten. Doch bei der Deutung nahm er stets Rücksicht auf den wahren Kern des Verses. Für ihn war die beste Exegese, diejenige, die sich eng am Koran orientierte.

Darüber hinaus verfasste er auch in der Theologie zahlreiche Werke. Für ihn stellte die Theologie die vorzüglichste aller Wissenschaftsbereiche dar. Der Koran berichtet von Anfang bis Ende von den Auseinandersetzungen zwischen den Ungläubigen und den Propheten. So machte Râzî es sich zur Aufgabe, die Glaubensgrundlage anhand handfester Beweise zu untermauern und gegnerische Meinungen zu falsifizieren. Ähnlich wie Gazâli verteidigte er die ascharitische Theologie, mit dem Unterschied, dass er in seinen Werken philosophischen Themen einen größeren Platz einräumte und – angetan von Ibni Sînâs Ausführungen – die Theologie mit der Naturwissenschaft verband, womit er den Weg der philosophischen Theologie ebnete. Obwohl er sich von frühester Jugend an mit der Theologie und der Philosophie beschäftigte und als eine Autorität in diesen Bereichen in die Geschichte einging, nahm er in seinem Lebensabend Abstand davon, mit dem Glauben, dass die Methoden der Philosophie den Menschen nicht ausfülle, weil die Methode des Korans die wahrhaftigste sei und empfahl den Menschen wieder zu ihr zurück zu kehren.

Seine Werke in der Philosophie, Logik, Astronomie, Medizin und Mathematik trugen zu Forschungen über die Geschichte der Wissenschaften bei. Obwohl er von Ibni Sînâs philosophischen und naturwissenschaftlichen Werken profitierte, kritisierte er einige seiner Theorien. Ibni Chaldûn zufolge war Râzî der erste Gelehrte, der die Logik als unabhängigen Wissenszweig ansah. Abgesehen davon, dass die meisten Aschariten sich mit der Mystik beschäftigen, kommt bei ihm der Einfluss seines Vaters, der den Weg der Mystik sowie der Einfluss Gazâlis, dessen Werke eine große Wirkung auf ihn hatten. Dass er in seiner Koranexegese auf mystische Deutungen zurückgreift und behauptet, dass die im Koran vorhandenen, nicht erklärbaren Geheimnisse von Mystikern, die den höchsten Rang der Einheit (Tawhîd) erklommen haben, erklärt werden könnten, werden als Belege für sein Interesse an der Mystik gedeutet. Es ist ebenfalls bekannt, dass der berühmte Mystiker Ibni Arabi Râzî dazu einlud den mystischen Weg einzuschlagen.

Der als ascharitischer Theologe und schafîtischer Rechtsgelehrter aufgewachsener Râzî, lernte durch Ibni Sînâ Aristoteles und Plato kennen, folgte jedoch Gazâli und verteidigte die Doktrin der Aschariten gegen die muslimischen Philosophen. Später kritisierte er die Doktrin in manchen Punkten, erklärte gegen Ende seines Lebens die Beweisführung der Theologie für unzureichend und kam zu der Auffassung, dass in Glaubensfragen die Beweisführung des Korans angewandt werden sollte. Im Großen und Ganzen blieb er der Linie der Aschariten treu. Doch was die Entwicklung des Beweises des Notwendigen (Wâdschib) und dessen Erschaffung und Beschaffenheit, die unzureichenden auf der Vernunft basierenden Beweise der „Gottesschau“ (Ru‘jatullâh) oder der Behauptung, die Menschen seien zu ihren Handlungen gezwungen, betrifft, weicht er von der ascharitischen Lehre ab. Indem er die Meinung vertrat, dass das Wissen vom Göttlichen sich gemäß dem Gewussten verändert, dass die Eigenschaften Gottes auf die Eigenschaften Wissen (Ilm) und Macht (Kadr) reduziert werden können und der Vernunftmäßigkeit des Guten und Schlechten, näherte er sich der mutazilitischen Position.

Râzî beeinflusste spätere Theologen in Bezug auf die Taten der Menschen und die Beweise des Prophetentums. Seine Äußerungen über den Sufismus beeinflussten Muhjiddîn ibni Arabi und formten dessen Vahdat-i Vucûd (Einsheit)-Philosophie. Durch Ibni Chaldûn und Abul Kâsim ibni Zajtûn erreichten seine Werke den Westen. Zudem wird Râzî als der erste gehandelt, der Alternativvorschläge zur Lösung eines Problems auflistete und somit der erste, der bei seiner Forschung eine Gliederung vornahm.

Râzîs Werke stellten eine unverzichtbare Quelle für die Koranexegeten dar. Koraninterpreten wie Bajzâvî, Âlûsî, M. Raschîd Rizâ und Muhammad Hamdi zitierten lange Passagen aus seinen Werken.

Quelle: TDV – 1. TDV- İslam Ansiklopedisi, “Fahreddin er-Râzî” (türkisch)
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