Salahuddin EyyubiEine historische Figur, die den Versuch unternahm, die Konflikte auf diplomatischem Wege zu lösen, ist der muslimische Herrscher Salâhaddîn Ajjûbi. Nach bitteren Kämpfen, erreichte er schließlich eine gewaltfreie Übergabe Jerusalems und setzte damit erste Anzeichen, den Krieg der Kulturen zu unterbinden.

Eine Konfrontation der Kulturen, die heutzutage regelrecht heraufbeschworen wird, fand im frühen Mittelalter während der 200 Jahre andauernden Kriege zwischen den Muslimen und den Christen auf grausame Art und Weise statt. Dabei ging es in erster Linie um die Vormachtstellung in Jerusalem.

Dieses dunkle Kapitel des Mittelalters liefert ein gutes Beispiel für das Vorgehen der Herrscher, Massen für einen Krieg zu mobilisieren, sie jedoch im Unklaren über die tatsächlichen Gründe der kriegerischen Auseinandersetzungen zu lassen. Legitimiert wurden die Kreuzzüge mit religiösen Motiven, doch heute wissen wir, dass sie hauptsächlich aus politischen und wirtschaftlichen Gründen gemacht wurden, um zum Beispiel Machtpositionen zu sichern. Bei der Kreuzzugspropaganda bediente man sich der Ängste der Bevölkerung, wie z.B. die Gefährdung des Christentums durch den Islam, um somit ein Feindbild aufzubauen. Die politischen Gründe blieben selbstverständlich unerwähnt.

Eine historische Figur, die den Versuch unternahm, die Konflikte auf diplomatischem Wege zu lösen, ist der muslimische Herrscher Salâhaddîn Ajjûbi. Nach bitteren Kämpfen, erreichte er schließlich eine gewaltfreie Übergabe Jerusalems und setzte damit erste Anzeichen, den Krieg der Kulturen zu unterbinden. Ferner rief sein diplomatisches Vorgehen Bewunderung hervor und förderte die friedliche Begegnung der Kulturen.

allah/Den Beginn der Kreuzzüge markiert der Hilferuf des byzantinischen Herrschers, der aufgrund der Machtübernahme der türkischen Seldschuken, die in Anatolien immer mächtiger zu werden drohten, in Bedrängnis geriet. Er bat  Papst Urban II. um Unterstützung und erklärte seinen Ersuch mit der angeblich schlechten Behandlung und Unterdrückung der Christen in der heiligen Stadt Jerusalem. Diese Aussagen entsprachen nicht der Wahrheit, erfuhren doch die Christen in Jerusalem stets eine gerechte Behandlung und waren uneingeschränkt in ihrer Religionsausübung. Dem Papst kam dieser Hilferuf, unbeachtet aus welchen Gründen er erfolgte, nur recht, denn in Europa benötigte man ein Feindbild um die Zerwürfnisse untereinander zu vergessen und die Rückgesinnung auf christliche Werte zu erreichen. Darüber hinaus sah der Papst darin eine Gelegenheit, die Ost- und Westkirche wieder zu vereinen. Mit diesen Hintergründen, rief Papst Urban II, nach Absprache mit Bischöfen und Adligen, im Jahre 1096 zum ersten Kreuzzug auf, der schließlich die Einnahme der Heiligen Stadt Jerusalem zur Folge hatte. Mit dem Gemetzel, den die Kreuzfahrer nach Erstürmung der Stadt anrichteten, ging dieser Kreuzzug als der grausamste in die Geschichte ein. Das angerichtete Blutbad fand sowohl in islamischen als auch in christlichen Chroniken Erwähnung.

Nach diesem Sieg über die Muslime entstanden vier Kreuzfahrerstaaten im heutigen Palästina und Syrien. Aber die Einigkeit zwischen diesen währte nicht lange. Auf muslimischer Seite hingegen vereinten sich die bis dahin zerstrittenen Herrscher, um gemeinsam gegen die Christen vorzugehen. 1144 gelang es einem muslimischen Herrscher  einen der  Kreuzfahrerstaaten zu erobern, woraufhin der 2. Kreuzzug erfolgte- allerdings wenig erfolgreich.

Auf muslimischer Seite vereinte Salâhaddîn Ajjûbi, die Muslime um gemeinsam Jerusalem von den Christen zurückzuerobern. 1187 rief er, in Anlehnung an die christlichen Kreuzzüge, den Heiligen Krieg der Muslime aus. Unter seiner Führung gelang es den Muslimen Jerusalem wieder unter muslimische Herrschaft zu bringen.

Im christlichen Lager war diese Niederlage nicht hinzunehmen, so formierte sich das Kreuzfahrerherr erneut und zog gen Osten. Nach jahrelangen Kämpfen schlug Salâhaddîn Ajjûbi einen diplomatischen Lösungsweg vor und handelte schließlich einen Waffenstillstand aus. Unter dem Vorbehalt des freien Zugangs für christliche Pilger, einigten sich die Herrscher darauf, dass Jerusalem weiterhin in muslimischer Hand blieb.

Saladin-Rezeption

In den vergangenen Jahren stieg die Anzahl der wissenschaftlichen Arbeiten über Salâhaddîn Ajjûbi – im westlichen Raum besser bekannt unter dem Namen Saladin –, der 1138  in Tikrit zur Welt kam und durch seine Taten während der Kreuzzüge sowohl im islamischen Raum als auch im christlichen Raum zu Ruhm gelang. 2005 gab es eine Saladin Wanderausstellung unter dem Titel „Saladin und die Kreuzfahrer“. Dieser Ausstellung folgten Publikationen wie z.B. „Saladin und seine Zeit“ von Hannes Möhring, die unter anderem das Ziel verfolgen aktuelle Bezüge zur Konfrontation und Begegnung der Kulturen herzustellen.

Die unblutige Einnahme von Jerusalem und die Tatsache, dass Saladin Gleiches nicht mit Gleichem vergelten ließ, indem er die Christen in Jerusalem verschonte und sich damit deutlich vom Verhalten der Kreuzfahrer bei ihrer Einnahme von Jerusalem unterschied, führten zu einer positiven Saladin Rezeption im Mittelalter. Ihm wurden ritterliche Tugenden zugewiesen, so dass er oftmals für seine Milde, seine Barmherzigkeit, Freigebigkeit und seine Ehrlichkeit gerühmt wurde. Seine Vertragstreue Andersgläubigen gegenüber löste große Bewunderung für ihn aus, da er sich damit deutlich von den Christen abhob, die ihre Versprechen gegenüber Muslimen für unwichtig hielten und sie daher nicht einhielten.

huallahDa sich die Persönlichkeit Saladins nicht mit dem negativen Bild, das man bis dahin von den Muslimen als Resultat der Kreuzzugspropaganda hatte, vereinbaren ließ, wurde nach seinem Tode behauptet, er habe eine christliche Mutter gehabt und sei als getaufter Christ gestorben. Bahaddîn ibni Schaddads Saladin Biographie widerlegte diese Behauptungen. Kritik an seiner Person gab es u. A. in Bezug auf seine Feldzüge, denn für viele war der Antrieb für seine Feldzüge gegen die Christen nicht das Gemeinwohl der Muslime, sondern der Wunsch seine eigenen Machtgebiete zu erweitern. Doch darüber hinaus gab es nahezu keine negativen Berichte über seine Person. Es erfolgte eine Verherrlichung der Person Saladins, die erst in neuerer Zeit aus einem kritischen Blickwinkel betrachtet wird.

In der mittelalterlichen Literatur fand Saladin Erwähnung in den Werken Dantes und Boccaccios, die seine Toleranz Andersgläubigen gegenüber lobten. In Boccaccios Ringparabel1 wird der Gedanke der Gleichstellung der Religionen ausgearbeitet. Voltaire griff diesen Toleranzgedanken auf und schrieb in seiner Abhandlung über die Kreuzzüge in Bezug auf Selahaddin: „Man sagt, daß er ein seinem Testament bestimmte, Almosen gleicher Art sollten unter die die armen  Muslime, Juden und Christen verteilt werden. Er wollte durch diese Bestimmung zu verstehen geben, daß alle Menschen Brüder sind und man, um ihnen zu helfen, nicht danach fragen dürfe, was sie glauben, sondern was sie leiden. […] Er hat auch niemals um der Religion Willen jemanden verfolgt, er war zugleich ein Bezwinger, ein Mensch, und ein Philosoph.“ 2 Damit rückt Voltaire ihn in die Richtung der Frühaufklärung und sieht in ihm einen Herrscher, der sich über die Religion hinwegsetzte und die Gleichheit der Menschen in den Vordergrund stellte. Lessing übernimmt diese Vorstellung von Saladin und arbeitet in seinem Werk „Nathan der Weise“ nicht nur den edlen Charakter Saladins aus, sondern rückt ihn ebenfalls in die Nähe der Aufklärer, die die Freiheit und Gleichheit der Menschen jenseits der Religion anpreisen.

Claude Marin, aus dessen Feder die Übersetzung der Saladin-Biographie stammt, übte Kritik an dieser Sichtweise und schrieb: „Saladin beobachtete die Vorschriften des Korans mit so vieler Gewissenhaftigkeit, daß die Muselmänner ihn unter die Zahl ihrer Heiligen versetzet haben. Er ließ in allen vornehmsten Städten Moscheen, Schulen, Armen- und Krankenhäuser bauen; er nahm die Greise und die Waisen in seinen Schutz, und ernährete alle, welche in Dürftigkeit lebten. Diejenigen irren sich sehr, welche vorgeben, daß er als ein Philosoph gestorben sey; er lebte und starb als ein frommer und andächtiger Herr. Es scheinet einigen Schriftstellern in unsern Tagen unmöglich zu sein, daß es wahrhaftig große Männer ohne jene so genannte Philosophie geben könne, welche darinn bestehet, daß man gar keine Religion hat.“ 3 Mit Einbezug der islamischen Quellen wurde fortan die Meinung vertreten, dass Saladin ein gläubiger Muslim war und sein edler Charakter auf den Koran zurückzuführen ist. Sein nahezu asketischer Lebensstil, fern von jeglichem Luxus untermauert dies. Salâhaddîn Ajjûbis Bemühungen eine Rückbesinnung auf den wahren Islam zu erreichen, fruchteten. So bewies er mit seinem vorzüglichen Verhalten, welches Potential der Islam in sich birgt und gewährte der westlichen Welt erstmals einen Einblick in die Vorzüge des Islams.

1 Giovanni Boccaccio, Das Dekameron, Übers. von Karl Witte. Bd. 1., Leipzig 1859. S. 49-53

2  Voltaire, Geschichte der Kreuzzüge; übersetzt von G.E. Lessing u.a. 1751

3 Francois Louis Claude Marin, Geschichte Saladins Sulthans von Egypten und Syrien, übersetzt von E.G. Küster, Celle 1761, Bd. II, S.320-324