Imâm Ahmad bin HanbalSchon als Kind und als Jugendlicher fiel der Imâm durch seine Aufrichtigkeit auf und machte sein Dasein als Waise zum Fundament seiner Ernsthaftigkeit, Ausdauer und der Liebe zur Arbeit. Als Richtung hatte er sich für die Wissenschaft der Überlieferungen entschieden.

Seine Familie, seine Erziehung und sein Drang zum Wissen

Auch wenn er nunmehr vor zwölf Jahrhunderten gelebt hat, auch wenn dem Weg, den er im Fikh eröffnet hat, nicht viele gefolgt sind, an Ahmad bin Hanbal (164-241 nach der Hidschra) sollte man sich dennoch mit sehr großer Achtung erinnern. Ruhm war ihm verhasst, deswegen stellte er sich wohl gegen die Niederschrift seines Fikhs und seiner Fatwas. Aber durch seine Standhaftigkeit und seine Aufrichtigkeit im Ausleben seines Glaubens war er ein vorbildlicher Gelehrter.

Imâm Ahmad bin Hanbal kam im Monat Rabî al-Awwal im Jahr 164 der islamischen Zeitrechnung in Bagdad auf die Welt. Diese damals unter der Besatzung leidende Region war der Lebensraum des Imâms, in der er geboren, aufgewachsen und auch zu Ruhm gelangt ist. Der Imâm stammte von arabischen Eltern ab. Sein Großvater Hanbal war Gouverneur einer Stadt in Chorasan. Die Familie siedelte jedoch kurz vor der Geburt Ahmads nach Bagdad um. Der Imâm verlor seinen Vater in sehr jungen Jahren, um seine Erziehung kümmerten sich fortan seine Mutter und sein Onkel. Bagdad war zu dieser Zeit ein Zentrum des islamischen Wissens und der Kultur. Der Imâm konnte somit schon in jungen Jahren eine Beziehung zur Wissenschaft aufbauen. Zuerst lernte er den Koran auswendig, um sich danach in die Kunst der arabischen Sprache und in die Überlieferungen über den Propheten und seine Gefährten zu vertiefen.

Schon als Kind und als Jugendlicher fiel der Imâm durch seine Aufrichtigkeit auf und machte sein Dasein als Waise zum Fundament seiner Ernsthaftigkeit, Ausdauer und der Liebe zur Arbeit. Als Richtung hatte er sich für die Wissenschaft der Überlieferungen entschieden. Er nahm am Unterricht Imâm Jûsufs, einem Schüler Abû Hanîfas, teil, der der damalige Obersten Richter des Reiches war. Von seinem fünfzehnten bis zu seinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr widmete er sich der Hadîthwissenschaft in Bagdad. Danach folgten mehrmalige Reisen nach Basra, Kufa, in den Hidschaz und in den Jemen, um Unterricht bei den Hadîthgelehrten seiner Zeit zu nehmen. Während einer Pilgerfahrt lernte er auch Imâm Schâfî kennen, an dessen Unterricht er in Bagdad nun teilnahm. Einem Bekannten, der ihn auf seine nicht enden wollenden Reisen ansprach und fragte, wie lange das so noch weitergehen würde, antwortete er: „Mit dem Stift bis ins Grab…“ Er besaß ein exzellentes Erinnerungsvermögen, dennoch notierte er sich die Hadîthe, die an ihn überliefert wurden. Sein Wirken traf genau in die Zeit des Sammeln und Niederschreibens der Fikh- und Sprachwissenschaften. In seinem Unterricht und in seinen Fatwas griff er zumeist auf diese Niederschriften zurück.

Das Material, das Imâm Ahmad sammelte bestand aus Überlieferungen vom Propheten und seiner Gefährten. Er vereinte dieses Wissen mit der Fikhwissenschaft und sah als wertvollste Wissenschaft das Wissen über den Koran und die Sunna an. Wie Abû Hanîfa auch, hatte Imâm Ahmad bis in sein vierzigstes Lebensjahr keinen eigenen Studienkreis. Dies lag einerseits daran, dass er eine gewisse eigene Reife abwartete als auch dem Wissen seiner Lehrer damit seine Achtung zollte. Seine Lehre war von seiner Persönlichkeit, von seinem ausgeglichenen Verständnis von Wissen und Leben, Theorie und Praxis, Moral und Vorbildlichkeit geprägt. Aus diesem Grund erhielt er auch sehr großen Zuspruch.

Bei den Teilnehmern seines Unterrichts hinterließ er mit seiner Ernsthaftigkeit, Standhaftigkeit, seiner Bescheidenheit und Demut einen großen Eindruck. Auch wenn er Wert darauf legte, die Hadîthe, an die er gelangte, niederzuschreiben, war er dagegen, dass seine Fatwas niedergeschrieben wurden. Seiner Meinung nach sollte kein anderes Wissen außer dem Koran und der Sunna den nachfolgenden Generationen überliefert werden. Denn die Fatwas müssten sich im Gegensatz zum Koran und zur Sunna den wechselnden Zeiten und Orten anpassen. Doch dennoch überlieferten seine Schüler sein Wissen.

Seine Persönlichkeit und seine Haltung zu künstlichen Diskussionen

Er blieb standhaft bei eigenen finanziellen Problemen, aber auch gegenüber den Unterdrückungen der Obrigkeit. Klagen konnte man von ihm nicht hören. Die Überlieferungen über ihn handeln immer wieder von seiner Klarheit im Denken. Vor jeglichem Ruhm floh der Imâm, Prahlerei konnte er nicht ausstehen, sich selbst stellte er nie in den Vordergrund.

Zu seinen Prinzipien gehörte es, sich mit Problemen, um die sich die Salaf, die Vorangegangenen, nicht beschäftigt hatten, nicht zu kümmern. Er betrachtete die Diskussionen um den Glauben, die in seiner Zeit aufkamen, als nicht gestattete Neuerung im Glauben und beteiligte sich nicht an diesen Diskussionen. Diese Meinung war aber konträr zu der offiziellen Haltung der Abbasiden-Herrscher. Der Kalif Ma’mûn und seine Nachfolger versuchten das Dogma des „erschaffenen Korans“ zu etablieren. Weil er dieses Dogma nicht annahm, hatte er 14 lange Jahre lang mit Unterdrückungen zu kämpfen. 28 Monate lang wurde er sogar in den Kerkern des Kalifs gefoltert. Sein Unterricht wurde behindert. Gerade wenn man den Grund für diese Qualen, das Dogma des „erschaffenen Korans“ und die Argumente dafür betrachtet, sieht man sehr schnell, wie sinnlos und weit entfernt vom Wesen des Islam diese Diskussion war. Auch wenn die Annahme dieses Dogmas nicht einen Glaubensabfall bedeutet hätte, stand der Imâm zu seiner abweichenden Meinung und verteidigte diese trotz der Unterdrückung und Folter, die er über sich ergehen lassen musste. Fast ganz alleine stellte er sich gegen diesen staatlichen Eingriff in die Glaubensgrundsätze. In erster Linie wollte er in diese Diskussion nicht einsteigen, weil die vorangegangenen Gelehrten dies nie als Problem angesehen hatten. Für ihn war auch die Äußerung, dass der Koran „nicht erschaffen worden ist“ eine unerlaubte Hinzufügung und Neuerung. „Weil der Koran aus dem Wissen und dem Wort Allahs stammt, ist er nichts Erschaffenes. Mehr sage ich nicht und erachte die Diskussion zu diesen Themen als sinnlos“, war die Meinung des Imâms.

Seine politische Haltung

Sein Leben lang lehnte der Imâm die Avancen und Geschenke der Kalifen und des Staates ab. Lieber verbrachte er sein Leben in Armut, als dass er etwas zu seinem Eigentum zählte, dessen Quelle er nicht kannte. Damit seine Seele frei blieb, strengte er seinen Körper an; um ein Allah wohlgefälliges Einkommen zu erzielen, arbeitete er zeitweise sogar als Lastenträger. Als Imâm Schâfî ihm anbot, für ihn wegen eines Richteramts im Jemen Fürsprache einzulegen, lehnte er dies ab. Für ihn war es gegen die Aufrichtigkeit, einem ungerechten Herrscher als Beamteter zur Verfügung zu stehen. Dennoch sollte der Staatsleitung gehorcht, die Steuer an sie entrichtet und das Freitagsgebet unter ihrer Leitung verrichtet werden, damit keine Anarchie entstehe. Für ihn war Beständigkeit eine Notwendigkeit. Diese Haltung sah er als die Befolgung der Haltung der vorangegangenen Imâme an. Auch diese wurden in der Zeit der Omajjaden Zeugen vieler Unterdrückungen, nahmen dies aber nicht zum Anlass, um gegen die Staatsordnung aufzubegehren. Er versuchte dadurch, dass er die Gaben, Geschenke und Möglichkeiten der staatlichen Autoritäten nicht in Anspruch nahm, von ihnen und ihren Unterdrückungen fernzubleiben, eine Fatwa zum Aufruhr lehnte er jedoch ab.