Appell.

Wir als junge deutsche Muslime wollen zusammen mit unseren deutschen Landsleuten ein ehrenvolles, würdiges und friedvolles Leben führen. Dieser Meinung sind Sie doch auch – oder? Wir verabscheuen Gewalt, wir ächten Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft.

Sowohl in der politischen als auch in der gesellschaftlichen Landschaft mangelt es leider an Wahrheit und Seriosität im alltäglichen Umgang mit dem Thema Islam. Die Verbreitung von billigen Klischees genauso wie die unverhältnismäßige mediale Vermarktung von so genannten – meist selbst ernannten – Islamexperten, die durch ihre geballte Ladung an Unseriosität, Unwissenheit und Unwissenschaftlichkeit, ja durch Unsinn auffallen, ist eine Schande für die politische Kultur in Deutschland. Es ist inakzeptabel, dass Menschen, die bestimmte Grundlagen im Islam ablehnen, sich als Vertreter und Hauptansprech­partner des Islam in Deutschland in Szene setzen und Ihnen eine hohe Wertschätzung von Politik und Medien entgegengebracht wird.

Liebe Leserinnen, seit Jahren werden immer wieder die gleichen Themen wie Gewalt, Unterdrückung der Frau und Ehrenmord mit dem Islam in Verbindung gebracht. Immer wieder weisen islamische Institutionen darauf hin, dass diese Handlungen unislamisch sind. Dennoch gibt es fleißige „Wiederkäuer“, die einfach nicht aufhören wollen, die Schuld der Religion anzuhängen. Mit dieser Broschüre wollen wir unter diesen endlosen „Kauprozess“ einen Schlussstrich ziehen.

Deshalb rufen wir unsere Landsleute zum Dialog auf. Lassen Sie uns miteinander, nicht übereinander reden, aufrichtig und nicht mit Misstrauen! Der „fremde“ Nachbar wäre für einen solchen Gedankenaustausch ein guter Gesprächspartner – meinen Sie nicht auch?

Liebe Leser, liebe Leserinnen:

Hand aufs Herz:

Was fällt Ihnen eigentlich zuerst ein, wenn Sie den Begriff „Islam“ hören? Vermutlich wohl Gewalt, Terror, mangelnde Toleranz, nicht wahr? Oder vielleicht doch Minarette, die in den Himmel ragen? Oder Kopftücher, die Frauen im Straßenbild von anderen Frauen abheben? -Wenn es diese Gedanken sind oder auch ähnliche, dann dürfen wir Sie beglückwünschen, dass Sie diese Broschüre in den Händen halten. Ihr Inhalt betrifft nämlich SIE, und er betrifft auch UNS. Kein Zweifel. Es ist so. Wir jugendliche Muslime, junge Frauen und junge Männer, haben uns der Herausforderung gestellt, eine Informationsbroschüre zu erstellen, die sich mit kontrovers diskutierten Themen des Islam befasst.

Jeder weiß:
Missverständnisse und Vorurteile bezüglich des Islam lassen sich nur schwer beseitigen. Oftmals sind es Muslime selbst, die diese Vorurteile schüren. Und die Medien verstärken sie häufig noch. Aber gerade aus diesem Grunde, weil wir um diese Vorurteile wissen, wollen wir Sie über falsche Informationen aufklären, Vorurteile korrigieren. Wir wollen nicht, dass man uns in eine Schublade steckt und sagt: „Du bist Muslim. Du gehörst in dieses Fach!“ Und auch nicht, dass man uns alle nach den schlechten Taten einzelner Muslime beurteilt Nein, lassen Sie uns ehrlich feststellen: Nicht jeder Mensch handelt menschlich, nicht jeder Muslim handelt im Sinne des Islam, und auch nicht jeder Christ handelt so, wie Jesus es gelehrt hat.

Grundgesetz contra Islam?


Die Frage, wie sich der Islam mit dem Grundgesetz verträgt, geistert derzeit nahezu täglich durch die Medien. Uns Muslimen wird unterstellt, wir würden nicht die Verfassung achten, sondern unseren Glauben über das Grundgesetz stellen. Mit erhobenem Zeigefinger wird von den Muslimen in Deutschland gefordert, sie sollten sich aktiv zum Grundgesetz bekennen. Dabei hält man ihnen vor allem die Grundrechte der Meinungsfreiheit und der Gleichheit von Mann und Frau vor, getreu dem Motto: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“. So einfach, so konsequent.

Wie für alle Menschen gelten auch für Muslime die im Grundgesetz garantierten Rechte – selbstverständlich auch das Recht auf freie Religionsausübung. Deshalb sollte man die Religionsausübung der Muslime nicht als Ausdruck einer verfassungsfeindlichen Gesinnung missverstehen. Sie wird den Muslimen vielmehr vom Grundgesetz garantiert. Muslime sehen sich nicht als eine gesellschaftliche Gruppe mit besonderen Vorrechten, sondern sie gehören einer Gruppe an, die sich verpflichtet, Gerechtigkeit und Güte gegenüber jedermann zu üben.

Verschiedenartigkeit und Vielfalt der Menschen sind ein Zeichen Gottes:

„ Oh ihr Menschen, Wir haben euch von einem männlichen und weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Verbänden und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt Der Angesehenste von euch bei Gott, das ist der Gottesfürchtigste von euch“ (49:13)

Kopftuch.

Das wahrscheinlich heiß umstrittenste Thema ist das Kopftuch. Trägt eine Muslima ein Kopftuch, wirft man ihr vor, sie würde ein politisches Symbol zeigen – und dadurch ihre Ablehnung des Grundgesetzes zum Ausdruck bringen.

Zur Klarstellung: Grundlage der Kleiderregelung für die Frau ist Vers 31 der 24. Sure. Danach soll von ihr in der Öffentlichkeit nur das sichtbar sein, „was man üblicherweise von ihr sieht“. Üblicherweise werden dies Gesicht und Hände sein. Praktizierende Muslimas, die das Kopftuch tragen, sehen dies als Ausdruck ihrer individuellen Entscheidung für Würde und Sittlichkeit. Eine Frau, die freiwillig ein Kopftuch trägt, wahrt nur ihr Grundrecht auf Freiheit der Religionsausübung (nach Artikel 4 Absätze 1 und 2 des Grundgesetzes).

Es ist also abwegig zu behaupten, eine Muslima, die ein Kopftuch trägt, bekämpfe das Grundgesetz. Und ebenso widersinnig ist diese Unterstellung, wenn sie als Lehrerin ein Kopftuch trägt. Die Verfassung legt eindeutig fest: Die Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einer Religion darf niemandem zum Nachteil gereichen. Halten wir also fest: Nicht das Kopftuch, sondern das Kopftuchverbot widerspricht dem Grundgesetz.

Moscheebau.

„Hinterhof-Moscheen“ – mit diesem Schlagwort ist man schnell bei der Hand, wenn über abgeschottete Moscheen geklagt wird. Wird eine Moschee aber mitten in der Stadt gebaut, heißt es plötzlich „Unterwanderung!“ Von „schleichender Islamisierung“ ist dann die Rede. So leicht erhitzen sich die Gemüter beim Thema „Moscheebau“.

Doch man sollte die Kirche bzw. die Moschee im Dorf lassen. Ist es nicht vielmehr so, dass wir Muslime, wenn wir eine Moschee bauen, gerade unsere Verfassungstreue zum Ausdruck bringen? Wir wollen – wie im Grundgesetz verankert – unsere Religion offen leben; wir wollen uns nicht auf Hinterhöfen verkriechen, weil dann sehr schnell der Eindruck entstünde, dort geschähe etwas Verbotenes. Wenn wir unsere Gotteshäuser repräsentativ bauen, ist dies für uns ein Zeichen, dass wir als Muslime in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Und so sollte es auch die Gesellschaft sehen.

Ehrenmord/Zwangsheirat

Vor allem die Medien stürzen sich gern auf Vorkommnisse wie die so genannten ,,Ehrenmorde“. Da sie gelegentlich in Familien mit einem islamischen Hintergrund geschehen, erweckt dies den Eindruck, diese Gräueltaten hätten eine Grundlage im Islam. Nur die Wenigsten wissen, dass der Islam für diese barbarischen Verbrechen keine Rechtfertigung bereithält -im Gegenteil: Der Islam betrachtet solche Verbrechen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit; denn der Mord an einem Menschen wird laut Koran so betrachtet, als habe der Täter die gesamte Menschheit getötet Ähnliches gilt für die Berichterstattung über „Zwangsheiraten“. Der Islam verbietet jegliche Eheschließung gegen den Willen der Frau. Nun kann man die Frage stellen, weshalb Männer, die sich Muslime nennen, solche Gewaltakte gegen Frauen begehen. Die Ursache liegt in einem rückständigen patriarchalischen Familienverständnis – und zwar weltweit, nicht nur unter Muslimen, teilweise schon lange vor dem Islam. Unkenntnis des Islam und ein falsch verstandener Ehrbegriff führen zu solchen Taten. Und von Unkenntnis des Islam zeugt es auch, diese Gewaltakte als angeblich islamisch zu bezeichnen. Menschen, die im Namen des Islam diese schändlichen Taten verüben, sind vor dem Gesetz und vor Gott Mörder.

Gewalt an Schulen.

Jeden Tag hört und liest man von Gewalt an Schulen. Schulkinder prügeln sich, Lehrer werden verprügelt. Und es ist nicht zu leugnen, dass oft auch Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund zu den Gewalttätern gehören. Besonders betroffen macht uns Muslime, dass leider auch muslimische Schüler diese Respektlosigkeit und Gewaltbereitschaft gegenüber Lehrern und anderen Schülern an den Tag legen. Wir verwahren uns jedoch gegen die landläufige Meinung, dass die Ursache hierfür in der Religion der Schüler begründet sei. Die Wirklichkeit sieht doch ganz anders aus: Bekanntlich stammen Kinder mit Migrationshintergrund allzu häufig aus sozial benachteiligten Familien, die große Probleme mit ihrer Integration in die Gesellschaft haben und ihre Kinder häufig sich selbst überlassen. Nicht die Religion, sondern soziale und familiäre Missstände können dann zur Gewalttätigkeit führen. Hier ist die Politik gefordert: Sie muss Antworten auf die sozialen und bildungspolitischen Probleme geben. Aber auch die Eltern tragen Mitverantwortung: Sie müssen sich stärker in das schulische Leben ihrer Kinder einbringen. Und die Schüler selbst müssen erkennen, dass ihnen die Schule eine Chance bietet, ihre soziale Situation zu verbessern. Durch Gewalt wird diese Chance verbaut. – Der Prophet Muhammad befahl allen Muslimen, sich Wissen anzueignen und anderen Menschen mit einem guten Charakter zu begegnen.

Diese Broschüre ist eine Initiative deutsch-muslimischer Jugendlicher aus Bochum

www.galsa.de
info@galsa.de

Diese Broschüre wurde dankend unterstützt von:

Islamischer Kulturverein Bochum e.V (Khaled-Moschee)
Islamischer Bund Dortmund e.V. (Abu Bakr Moschee)
Deutsche Muslim-Liga Bonn e.V.
Islamische Wohlfahrtsorganisation e.V. (IWO e.V.)

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